Der nächste Schritt: Smartes Land

Nachdem die letzten Jahre davon geprägt waren, die Großstädte mit Hilfe von Informations- und Kommunikationstechnologie „smart“ werden zu lassen, kam mit dem CDU/CSU/SPD Koalitionsvertrag auf Bundesebene der Themenbereich „Digitalisierung der ländlichen Regionen“ auf die politische Agenda.

Die nachfolgenden 10 Thesen erläutern Gründe, den Sachstand und die Aufgaben, die sich bei der Erarbeitung einer Digitalen Agenda stellen.

These 1: Es gibt einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Großstädten und digitalen ländlichen Regionen: Großstädte ziehen immer mehr Bewohner an (u.a. durch Migration und Landflucht), weshalb die Probleme in den Großstädten immer mehr zunehmen. Fehlende Wohnungen, dichterer Verkehr, zunehmende Umwelt- und Luftbelastungen oder gravierende soziale Spannungen sind die Folge. Die Großstädte sind damit überfordert. Diese Überbelastung kann nur gestoppt werden, wenn vor allem die Landflucht beendet wird. Deshalb ist es erforderlich, das Leben in den ländlichen Regionen wieder attraktiver zu machen. Digitalisierung leistet einen wesentlichen Beitrag dazu.

These 2: Obwohl Führungskräfte in den Kommunen Digitalisierung als zweitwichtigste Aufgabe begreifen, ist der ländliche Raum konzeptionell schlecht vorbereitet und hat erheblichen Nachholbedarf. Das größte Hemmnis für eine Digitale Agenda wird in den Landkreisen zu 34 % in einem fehlenden bzw. unzureichenden Breitbandausbau gesehen. Nur 6 % der Landkreise verfügen bereits über eine entsprechende Digitalisierungsstrategie.

These 3: Digitalisierung braucht vereinbarte Ziele. Sie sollten an die unterschiedliche Ausgangssituation der ländlichen Regionen angepasst sein. Eine einfache Übertragung von Smart City Ansätzen wird scheitern. Während beispielsweise der städtische Raum ein riesiges Parkplatzproblem hat, existieren freie Parkplätze im ländlichen Raum zur Genüge. Dagegen ist der ÖPNV in der Fläche ein großes Hemmnis für eine umweltschonende Mobilität.

These 4: Eine Digitale Agenda ist ein politisch-strategisches Innovationsprogramm. Sie umfasst alle gesellschaftlichen Lebensbereiche, die sich im kommunalen und regionalen Handeln abbilden. Wesentliche Bausteine werden im Schaubild 1 aufgeführt. Dabei wird die digitale Agenda aus zwei Teilen bestehen müssen. Da ist erstens die “Stadt-Digitalisierung”. Sie umfasst alle Projekte und Maßnahmen, die die Digitalisierung der Stadt und der Region vorantreiben. Zweitens gehört zur digitalen Agenda die “Verwaltungs-Digitalisierung”.

These 5: Die Digitale Agenda ist eine mehrjährige Aufgabe, bei der angesichts der schnellen technologischen Entwicklung die Annahmen und Erkenntnisse fortwährend auf dem Prüfstand stehen und angepasst werden müssen.

These 6: Glasfaser ist die soziale Infrastruktur des 21. Jahrhunderts. Wenn die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse erreicht werden soll, benötigt auch der ländliche Raum eine exzellente digitale Infrastruktur. Um die Standortnachteile kompensieren zu können, muss sie mindestens so gut sein wie in den Großstädten.
These 7: Da die Digitalisierung als Gestaltungs- und Strukturprinzip immer mehr Bereiche unseres Lebens umfasst, muss sichergestellt sein, dass alle Bürger die Chance haben, politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich daran teilzuhaben. Kommunen sollten deshalb den Aufbau einer Digitalen Assistenzinfrastruktur – neue digitale Nachbarschaftshilfe – als neue Aufgabe der Daseinsvorsorge begreifen. Ansonsten droht für Millionen von Menschen das Schicksal, von der Digitalisierung abgehängt zu werden.
These 8: Stadt-Digitalisierung und Verwaltungs-Digitalisierung sind zwei Seiten einer Medaille. Die nach außen wirkenden Projekte der Stadt-Digitalisierung müssen durch die Kommunalverwaltung umgesetzt werden. Deswegen bedarf es ebenso eines digitalen Transformationsprozesses innerhalb der Stadtverwaltung. Im Mittelpunkt steht zunächst das magische Dreieck aus HR/Organisation, Prozesse und Technologie. Darüber hinaus werden die Transformationsmaßnahmen der Stadt-Digitalisierung aber auch die Elemente Recht, Finanzen, Kultur/Werte und Wettbewerb umfassen.

These 9: Grundsätzlich gibt es drei Erarbeitungsansätze. Stadt-Unternehmen, Stadt-Elite und Stadt-Stadtgesellschaft. Um eine breitestmögliche Akzeptanz der Digitalen Agenda zu erreichen, sollten Städte die Digitalisierungsstrategie zusammen mit der Stadtgesellschaft erarbeiten. Eine besondere Rolle sollten dabei die Bedürfnisse und Erwartungen der jungen Generation spielen. Die Digitale Agenda gestaltet ihre Lebens- und Erfahrungswelt und damit ihre Chancen nachhaltig für die nächsten Jahrzehnte. Der Prozess muss verstetigt werden und transparent sein.

These 10: Für alle Ebenen gilt: Digitale Kompetenzen und Ressourcen müssen gestärkt werden. Eine Reihe von Städten haben mit der Berufung eines „Chief Digital Officer“ gute Erfahrungen gemacht. Es bedarf aber auch digitalen Sachverstands in den Fachabteilungen. Hier könnte die Einrichtung von Digitalen Lotsen helfen, die nötige Digitalisierungsagenda voranzutreiben.

Die Digitalisierung der ländlichen Regionen sollte eng mit der Entwicklung der Metropolregionen und der Städte mittlerer Größenordnung verzahnt werden. Hier ist koordinierende Aufgabe der Landesverwaltungen gegeben.

 

Der Beitrag von Willi Kaczorowski und Gerald Swarat erscheint auch im Oktober in der PDVNEWS.

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Mit Tattoo und Laptop ins Altersheim

Senioren sind die Stiefkinder der Digitalisierung. Zwar hat der Anteil der Silver Surfer, die regelmäßig das Internet nutzen, erheblich zugenommen, dennoch bleibt immer noch eine grosse Zahl von ihnen offline.
Schauen wir uns die Zahlen an:
Nach der DIVSI Ü60-Studie “Die digitalen Lebenswelten der über 60-jährigen” ist der Wunsch, der über 60-jährigen, am Geschehen im Internet teilzuhaben, deutlich angestiegen. Allerdings ergibt die Studie auch, dass 48% Offliner sind. Der digitale Graben ist in dieser Altersgruppe besonders evident. Inzwischen halten jedoch 44 % der Befragten, das Internet für die beste Erfindung, die es je gab und die Anzahl derer, die an der Digitalisierung teilhaben wollen steigt seit 2012 stetig an.
Umso wichtiger sind die steigenden Werte, da die Verknüpfung von digitaler und sozialer Teilhabe immer enger wird. Deswegen kommen die DIVSI-Forscher zu dem Schluß: “Wenn immer mehr Bereiche des Alltags online gesteuert sind, ist soziale Teilhabe somit nur noch möglich, wenn auch digitale Teilhabe gewährleistet ist.” Denn die Teilhabe umfasst die Chancen, “an den Infrastrukturen und Angeboten einer Gesellschaft umfassend partizipieren zu können und dadurch ein gleiches Maß an sowohl beruflichen wie auch privaten Chancen zu erlangen”.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der D21 Index 2017.
Der Gedanke liegt also nahe, dass wir das schnelle Internet dorthin bringen, wo sich Senioren am meisten aufhalten. 
Diese Überlegungen hat eine sehr spannende Studie zum Thema „Nutzung und Nutzen des Internet im Alter“ ist kürzlich von Herbert Kubicek und Barbara Lippa veröffentlicht worden.
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Die Studie wurde von der „Stiftung Digitale Chancen“ und dem Telekommunikationsanbieter Telefonica vorgelegt. Darin plädieren sie für einen Masterplan „Mit Senioreneinrichtungen ins Netz“.
Ihre Erkenntnisse beruhen auf einer Befragung von 300 Senioren im Alter von unter 60 Jahren bis 90 Jahren, die am Projekt „Digital mobil im Alter“ im Jahre 2017 teilgenommen haben.
Der vorgeschlagene Masterplan besteht aus vier Kernelementen:
Programm „Mit 30.000 Seniorentreffs ins Netz“
Programm „In 3000 Senioreneinrichtungen ins Netz“
Programm „3000 Personen Online in Pflegeheimen und -stationen“
Pilotprojekte „Internet Aufsuchende“ und „Digitale Assistenz“.
Der Charme der Studie besteht darin, dass die Autoren für wesentliche Programmelemente auch die Kosten ermittelt haben. Für das Programm „Mit 30.000 Seniorentreffs ins Netz“ betragen sie bei dreijähriger Laufzeit auf Basis eines Leihmodells für digitale Endgeräte wie Tablet PCs 4 Mio Euro. Um die 3000 Senioreneinrichtungen ins Netz zu bringen, wären 2,2-6,2 Mio Euro erforderlich . Und für die 3000 Personen Online in Pflegeheimen und Stationen würden bei dreijähriger Laufzeit rund 7,5 Mio Euro anfallen.
Darüber hinaus sprechen sie sich auch für einen bundesweiten Ausbau einer Digitalen Assistenzinfrastruktur aus, wie sie bereits die Bertelsmann Stiftung im Forderungskatalog für ein digitales Deutschland vorschlug. Im Podcast Smart City Talk und in diesem Blog habe ich dieses Thema ja auch häufiger aufgegriffen.
Fazit: Die digitale Spaltung zwischen On- und Offlinern, die sich besonders häufig noch bei älteren Menschen zeigt, kann überwunden werden. Erforderlich dafür sind eine Strategie, Anschubfinanzierungen und Pilotprojekte. Die Studie liefert hierfür wertvolle Ansatzpunkte, die sich die politisch Verantwortlichen in den Gebietskörperschaften, den Wohlfahrtsverbänden und bei den privaten Trägern genauer anschauen sollten.
Wenn die Babyboomer-Generation der heute über 55-jährigen Menschen in Altenheime, betreute Seniorenwohnungsanlagen oder Pflegeheime einzieht, werden sie mit Selbstverständlichkeit schnelle Internetverbindungen und W-LAN erwarten.
Die neue Staatsministerium im Bundeskanzleramt, Dorothee Bär, sollte diese Herausforderungen zuerst annehmen, anstatt über fliegende Funktaxen zu fabulieren.

Digitale Agenda: Drei Hürden bei der Beteiligung der Stadtgesellschaft

 

Smart City Strategien von Kommunen haben inzwischen die zweite Phase erreicht. Die erste Phase war geprägt vom Dialog der Eliten. Da hatten Technologiekonzerne, Wissenschaftler und die Spitzen von Politik und Verwaltung eine Allianz gebildet. Man könnte das auch den industriell-technologisch-wissenschaftlichen Komplex nennen. Nunmehr hat die zweite Phase begonnen. Zu dieser gehört die Einsicht, dass Strategien zur digitalen Stadt mit der Stadtgesellschaft zusammen entwickelt werden sollten.

Allerdings hört sich das ganz einfach an. Die Stadtgesellschaft mitnehmen und niemanden außen vor lassen. Bei einem Projekt mit einer NRW-Mittelstadt ist mir deutlich geworden, dass es dafür mindestens drei Hürden gibt, die überwunden werden müssen.

Damit meine ich kulturelle, organisatorische und politische Hürden.

Erstens: Kulturelle Hürden

Die kulturelle Hürde besteht darin, dass bei einer Einbeziehung der Stadtgesellschaft sehr unterschiedliche Wissensstände, Lebensformen und Erfahrungen zusammenkommen.

In vielen Städten und Gemeinden wird es in unterschiedlicher Zahl Menschen geben, die sich als digitale Vorreiter verstehen. Egal, ob man sie als Internetaktivisten oder Evangelisten bezeichnen will. Ihre Lebens- und Handlungsweise ist vom Digitalen geprägt. Sie sind meistens online, organisieren Wissensaustausch in Barcamps oder Hackathons. Da sie in der eigenen Stadt nicht so viele Mitstreiterinnen und Mitstreiter haben, organisieren sie sich überörtlich vernetzt und arbeiten oftmals virtuell zusammen. Einen wesentlichen Schub und ihre Vertretung in der Kommunalpolitik hat diese digitale Avantgarde durch das Wirken der Piratenpartei bekommen.

Meine Mitstreiterin für die digitale Region, Anke Knopp, hatte in Gütersloh Digitalisierungspläne entwickelt und sich als parteilose Bürgermeisterkandidatin beworben. Ihre Erfahrungen hat sie in einem Buch Wahltag. Wie ich kandidierte, einen digitalen Wahlkampf führte und verlor“   beschrieben. Sie hat mit 9 % der Stimmen sehr respektabel abschnitten. Und Gunter Czisch, der CDU Oberbürgermeister von Ulm hatte seinen Wahlkampf mit der Vision einer digitalen Stadt geführt und haushoch gewonnen. Anfangs war er noch als „Spinner“ angesehen worden, wie er in einem Podcast Interview mit mir offenbarte. Oder als letztes Beispiel der Bürgermeister von Wenningsen, Christoph Meineke. Auch dieser hatte einen Wahlkampf mit Hilfe des Internet geführt und bei Facebook sogar über seine Wahlplakate abstimmen lassen.

Allerdings sind Gunter Czisch oder Christoph Meineke in digitalen Fragen nicht repräsentativ für die Mehrheit der Ratsmänner und -frauen. Diese tasten sich gerade mit einigen Mühen an die Chancen, Grenzen und Probleme der digitalen Stadt heran. Ihre Erfahrungswelt ist die klassisch analoge Politik.

Sie sind oft geprägt von der Welt der Ortsvereine/Ortsverbände oder der Parteigremien. Für sie ist ein Barcamp vielleicht eher ein lustiges Trinkgelage auf dem Campingplatz und virtuelle Zusammenarbeit und Webinare sind eher noch Fremdworte.

Ich erinnere mich noch gut an eine Veranstaltung der Arbeitskreises Bürgergesellschaft der Friedlich-Ebert-Stiftung. Wir diskutierten, inwieweit das Internet die Zusammenarbeit der unzähligen zivilgesellschaftlichen Organisationen verbessern kann und was Politik dafür tun muss. Das war vor ca. 15 Jahren. Damals äußerte der damalige SPD-Generalsekretär Olaf Scholz nahezu wörtlich „Solange mein SPD-Ortsverein in Hamburg-Altona diese Fragen nicht diskutiert, hat das Internet für mich keine Relevanz.“

Nachdem die Digitalisierungsdebatte den politischen Mainstream in den Räten langsam erreicht hat und sich viele von ihnen noch in der „Sensibilierungsphase“ befinden, treffen nun digitale Avantgarde und politischer Mainstream mit ihrer unterschiedlichen kulturellen Erfahrung aufeinander. Die erste Herausforderung besteht deshalb darin, diese kulturelle Hürde zwischen ihnen zu überwinden.

Zweitens: Organisatorische Hürden

Dann gibt es zweitens eine organisatorische Hürde. Zwischen den etablierten Parteien und den Digitalaktivisten gab es selten organisatorische Berührungspunkte. Jeder Bereich schottete sich vom anderen ab. Während für die einen die re:publica in Berlin, die Jahrestagung des Chaos Computer Clubs oder die Veranstaltungen des inzwischen aufgelösten „Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V.  (CoLab) die Höhepunkte des Jahres waren, war das für die anderen der Bundesparteitag oder manchmal auch nur der Unterbezirksparteitag.

Digitale Avantgarde und politischer Mainstream in den Räten haben keine gemeinsame Formate, keine Austauschplattformen und nutzen keine gemeinsame Collaraborationsplattformen. Organisatorisch leben beide nebeneinander her. Deswegen besteht die zweite Herausforderung nun darin, Formate und Arbeitsformen zu entwickeln, in denen sich beide Sphären bei der Erarbeitung und Umsetzung der digitalen Agenda der Kommune begegnen und miteinander arbeiten können.

Drittens: Politische Hürden

Schließlich gibt es eine dritte Hürde. Ich nenne sie die politische Hürde. Bislang war in den Räten Digitalpolitik entweder gar kein Thema oder man konnte sich parteiübergreifend zum Beispiel auf die Forderung nach dem Aufbau des schnellen Internets verständigen. Nur was man damit machen wollte, wurde selten angesprochen.

Nunmehr entwickelt sich Digitalisierung zum Struktur- und Gestaltungsprinzip und berührt in noch nie dagewesener Weise die Wertvorstellungen, gesellschafts- oder wirtschaftspolitische Grundprinzipien oder die ganz große Zukunftsvision. Die Vision einer digitalen Stadt ist nicht länger bloß die Anwendung von Technologien in den einzelnen Politikbereichen einer Stadt. Jede Partei muss vielmehr für sich definieren, wie sie im Lichte ihrer Grundwerte, ihres Menschenbildes und ihrer Prinzipien digitale Entwicklungspfade beschreiten und digitale Zukunft gestalten will.

Deswegen besteht die dritte Herausforderung darin anzuerkennen, das die Erarbeitung  einer Digitalisierungsstrategie politische Zukunftsgestaltung bedeutet, die durchaus kontrovers diskutiert werden muss.

Wie können diese Hürden überwunden werden?

Für alle drei Hürden gibt es keine einfachen Lösungen. Sie bestehen vielmehr in einem Bündel von Maßnahmen, die helfen können, diese Hürden zu überwinden.

Überwindung von kulturellen Hürden

Die kulturelle Hürde könnte als erstes überwinden werden, wenn sich digitale Avantgarde und Ratsmitglieder aufeinander einlassen. Sie sollten sich gegenseitig ihre Geschichte erzählen und offen für Neues sein. Beschimpfungen wie  „ihr macht das nur als Alibi und habt sowie keine Ahnung“ helfen bestimmt nicht weiter. Dabei muss dem politischen Mainstream aber auch klar sein, dass die Zeit auf der Seite der digitalen Vorkämpfer steht. Langfristig geht es um die Verabschiedung aus der nur analogen Welt.

Die digitale Avantgarde sollte erkennen, dass es sich bei der Digitalisierung um ein sehr dickes Brett handelt, bei dem selbst fachlich Versierte angesichts des schnellen Tempos der technologischen Entwicklung manchmal den Anschluss verlieren können. Wie immer bei dicken politischen Brettern wird es erforderlich sein, dass zunächst die Einsicht in die Veränderungsnotwendigkeit und die Vermittlung von Grundlagenwissen in der Sensibilisierungsphase im Mittelpunkt steht.

Victor Hugo wird das Zitat zugeschrieben „Nichts auf der Welt ist so mächtig, wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist“. Anzuerkennen, dass die digitale Avantgarde ihrer Zeit ein wenig voraus war und längst nicht alle mitkommen konnten oder wollten, wäre ein weiterer Schritt zur gegenseitigen Verständigung. Denn jetzt ist die Zeit für die Digitalisierung der Kommune gekommen.

Überwindung von organisatorischen Hürden

Zweitens wird es notwendig sein, organisatorische Strukturen zu schaffen, damit sich die verschiedenen Akteure der Stadtgesellschaft begegnen können.

In der Stadt Neuss beispielsweise wurde vor zwei Jahren vom Rat eine „Zukunftskommission „Digitale Agenda“ eingerichtet, die sich externe Fachleute eingeladen hat, um sich das ganze Spektrum der digitalen Möglichkeiten vorstellen zu lassen und daraus ein Handlungsprogramm zu entwickeln. Begleitet wird sie von meinem Kollegen Michael Lobeck als externen Berater.

In der Stadt Gütersloh hat der Rat ein Programm „Digitaler Aufbruch Gütersloh“ beschlossen. Dies sieht u.a. vor, die Stadtgesellschaft in einem Prozess zu beteiligen, der sich an den Digitalgipfel-Prozess der Bundesregierung anlehnt. Ein jährlich stattfindendes Digitales Forum und während das Jahres tagende digitale Themengruppen, in den sich Politik, Verwaltung, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Wissenschaft auf Augenhöhe begegnen um gemeinsame Projekte für die digitale Stadt zu entwickeln, sind wichtige Bausteine. Darüber hinaus soll es aber auch eine systematische Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger in Form einer Ideenplattform geben, die sowohl online als auch offline in den Bürgerzentren durchgeführt wird. Die Stadtverwaltung hat die Stelle eines „Chief Digital Officers (CDO)“ ausgeschrieben, der das Bindeglied zwischen Politik/Verwaltung und Stadtgesellschaft sein wird und sicherstellen soll, dass die verabredeten Projekte auch innerhalb der Stadtverwaltung umgesetzt werden.

Und schließlich wird der jüngeren Bevölkerung eine organisatorisch-inhaltliche Plattform in Gestalt eines U-30 Beirates gegeben, sodass auch deren Belange systematisch in den Prozess einfließen können.

Diese neuen Organisationsstrukturen stellen in der digitalen Stadt lediglich die Bühne dar. Welches Stück darauf gespielt wird und welche Akteure sich in welchen Rollen einbringen können oder wollen und welchen Ausgang das Stück nehmen wird, muss in der Stadtgesellschaft ausgehandelt werden.

Überwindung von politischen Hürden

Digitalisierung und Technikeinsatz sind kein Selbstzweck. Die Stadtgesellschaft muss auch bei der digitalen Agenda akzeptieren, dass für viele Projekte unterschiedliche Vorstellungen, die oftmals wertgeleitet sind, existieren. Je intensiver sich das digitale Grundprinzip in Staat, Wirtschaft und Gesellschaft durchsetzt, desto intensiver werden auch die politischen Diskussionen im Rat und in der Stadtgesellschaft sein.

Da werden Diskussionen um das Ausmaß der Digitalisierung in den Politikbereichen und um den Mitteleinsatz geführt werden müssen. Da wird die Diskussion um ethische und datenschutzrechtliche Aspekte (Gläserner Bürger) unausweichlich sein. Und schließlich geht es bei der Digitalisierung auch um Machtfragen. Cui bono? Diese Frage wird Gegenstand politischer Debatten sein müssen die sich aber schon seit längerem nicht mehr entlang parteipolitischer Grenzen bewegen.

Im Rahmen der Aufstellung einer digitalen Agenda für die Kommune müssen die kommunalen Akteure gemeinsam eine Frage beantworten. Sie lautet: Wollen wir Opfer oder Gestalter der Digitalisierung sein? Nur wenn politischer Mainstream, digitale Avantgarde und die anderen Akteure der Stadtgesellschaft zusammenarbeiten, kann diese Frage in der Kommune verbindlich beantwortet werden.

 

 

 

Arnsberg – Erfolgsgeschichte einer digitalen Mittelstadt

Vor 11 Jahren waren Franz-Reinhard Habbel und ich in der Stadt Arnsberg. Wir kamen nach mehrstündiger Fahrt in eine große Stadthalle, in der mehrere hundert Menschen versammelt waren. Das war der Auftakt für die Bewerbung der Stadt Arnsberg um den Titel der T-City , den 2006 die Deutsche Telekom ausgelobt hatte. Bürgermeister Hans-Josef Vogel hatte uns eingeladen, damit wir als Externe skizzieren, welche Möglichkeiten Digitalisierung für die Stadt Arnsberg eröffnen kann. Arnsberg gewann damals leider nicht – den Zuschlag bekam die Stadt Friedrichshafen am Bodensee.
Aber Arnsberg hatte damals Blut geleckt und Bürgermeister Vogel erklärte Digitalisierung zu einer wichtigen  Priorität der Stadt. Heute ist Bürgermeister Vogel der neue Regierungspräsident der Bezirksregierung Arnsberg. Zusammen mit Karlheinz Weißer und Wolf D. Hartmann von den Stadtwerken Arnsberg hat er die Erfolgsstory der Digitalisierung in Arnsberg in einem kleinen Buch zusammengefasst. Es trägt den Titel „Smart City. Digitalisierung in Stadt und Land“.
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Bereits auf den ersten Blick wird deutlich, das es sich um einen guten Überblick über die eingeschlagene Strategie und darauf aufbauende Projekte zur Digitalisierung der Stadt handelt. Fundament ist das Grünbuch „#ARNSBERGdigital als smarte Stadt gemeinsam gestalten“, das die Grundlage für die Jahre 2015 bis 2020 darstellt und gemeinsam mit der Stadtgesellschaft erarbeitet wurde.
In diesem Buch geht es bewusst nicht um neue und neueste Erkenntnisse. Der Wandel ist rasant. Vielmehr liegt sein Wert darin, von engagierten Kommunalpolitikern geschrieben worden zu sein, so dass noch zögernde Räte erkennen können, welche Chancen die Digitalisierung für effiziente, lebenswerte und umweltfreundliche Städte und Regionen bieten kann. Dabei wird wiederholt betont, dass es sich nicht um eine Elitenveranstaltung handelt sondern dass die Stadtgesellschaft als Ganzes in diesen Prozess einbezogen werden muß.
Die westfälische Mittelstadt Arnsberg hat sich damit eine Vorreiterrolle in Deutschland erobert. Die Schrift macht deutlich, dass sie nicht bereit ist, diese Position so schnell abzugeben, weil Arnsberg noch eine Fülle von Ideen hat. In seiner neuen Rolle als Regierungspräsident wird Hans-Josef Vogel sicherlich bald Initiativen entwickeln, wie Stadt, Region und Land in diesem Digitalisierungsprozess Hand in Hand gehen können. Der Zuschlag der NRW-Landesregierung 2017 zur Regionale Südwestfalen 2025 gibt erste Hinweise darauf.

Smart City: Meine fünf Highlights in 2017

 

Das Jahr 2017 ist nun schon wieder Geschichte. Deswegen will ich eine kurze Bilanz meiner persönlichen Smart City Höhepunkte aufzeigen.

Smart Country – Verleihung Reinhard Mohn Preis 

Im Juni 2017 vergab die Bertelsmann Stiftung den Reinhard Mohn Preis  an den früheren estnischen Staatspräsidenten Thomas Hendrik Ilves. Das war der Abschluss des Projektes „Smart Country – Vernetzt, intelligent, digital“. 18 Monate lang hatte ein Team von Experten der Bertelsmann Stiftung, der Beraterfirma PROGNOS und mir recherchiert, ausgewertet und bewertet, welche Erfolgsfaktoren für die Digitalisierung von Ländern und Regionen von Beachtung sind und welche beispielhaften Projekte die Digitalisierung dort in Wirtschaft, Staat und Gesellschaft fördern. Als Ergebnis wurden zahlreiche Veröffentlichungen und Studien vorgelegt, die die Fragestellung aufnahmen und weiterführten.

Studie „Neue digitale Daten“

Für das Smart Country Projekt der Bertelsmann Stiftung hatte ich selbst auch eine kleine Studie erarbeitet. Sie trägt den Titel „Neue digitale Daten für die Entwicklung smarter Städte und Regionen“. Darin habe ich vier Quellen unterschieden, in denen neue digitale Daten erhoben werden. Diese sind a) Echtzeitdaten, die sich aus der städtischen Infrastruktur heraus ergeben, b) nicht strukturierte Daten aus sozialen Netzwerken, c) Daten aus der Crowd und schließlich d) Echtzeitdaten, die bottom-up von Bürgern oder Unternehmen an die Verwaltung gegeben werden. Zusätzlich generiert die Verwaltung natürlich noch Open Data Daten, die allerdings häufig immer noch eher statischer und historischer Natur sind als das sie mehrheitlich wirklich Echtzeitdaten enthalten.

Sollen diese neue digitalen Daten erhoben, analysiert, verwendet, veredelt oder gar aus ihnen Prognosen abgeleitet werden, so sind zahlreiche Veränderungen in Bezug auf die digitale Infrastruktur aber auch auf die Aufbau- und Ablauforganisation der öffentlichen Verwaltung erforderlich. Darüber hinaus entstehen in der öffentlichen Verwaltung auch neue Rollen, Berufsbilder und Kompetenzen.

 

Wettbewerb Digitale Stadt

Zu den zahlreichen bundesweiten Initiativen gehört sicherlich der vom Bitkom und vom deutschen Städte- und Gemeindebund getragene Wettbewerb „Digitale Stadt“. Angesprochen waren hier Städte, die zwischen rund 100.000 bis 150.000 Einwohner haben sowie über eine gute Verkehrsanbindung sowie eine Hochschule in der näheren Umgebung verfügen.

Als Preis wurde ein zweistelliger Millionenbetrag von den Unternehmen ausgelobt. Ziel des Wettbewerbs war es, „eine Modellstadt mit internationaler Strahlkraft zu schaffen“, die „beweist, das das Leben in der Digitalen Stadt so effizient und bequem, so bürgernah und umweltfreundlich sein wird wie in keiner anderen europäischen Stadt.“

Insgesamt beteiligten sich 14 Städte. In der Vorrunde schieden die Städte  Bergisch Gladbach, Bremerhaven, Cottbus, Göttingen, Gütersloh, Jena, Konstanz, Ludwigsburg und Ratingen aus. Fünf Städte schafften es ins Finale. Diese waren Darmstadt, Heidelberg, Kaiserslautern, Paderborn und Wolfsburg.

Sämtliche Finalisten hatten gut durchdachte und strukturierte Wettbewerbsbeiträge eingereicht, die das ganze Spektrum der Chancen der Digitalisierung einer Stadt aufzeigten. Sehr positiv am Wettbewerb war auch seine große Transparenz. Die beteiligten Städte, der Bitkom und der Städte- und Gemeindebund nutzten oftmals social Media Kanäle, so dass die Bevölkerung stets über den Wettbewerb im Bilde war.

Schließlich wurde mit der Stadt Darmstadt der Sieger gekürt. Er muss nun in den nächsten zwei Jahren beweisen, dass die Digitalisierung für die Bürgerinnen und Bürger aber auch für die Unternehmen erhebliche Vorteile in Bezug auf Lebens-, Aufenthalts- und Arbeitsqualität bringen wird.

Aus vielen Veröffentlichungen der teilnehmenden Städte ist jetzt zu entnehmen, dass alle am Thema weiterarbeiten und die Digitalisierung ihrer Stadt weiter forcieren wollen.

Smart City Kongresse

Smart City oder Digitale Stadt Kongresse und Konferenzen nehmen erheblich zu. Aus der Vielzahl der Veranstaltungen gehörten im Jahre 2017 der Smart City Expo World Kongress in Barcelona und die Blisscity in Frankfurt zu meinen Konferenz-Highlights.

In Barcelona trafen sich im November zum sechsten Mal Städte, Unternehmen, Vertreter der Zivilgesellschaft und Influencer zur SCEWC. Die Veranstaltung in Barcelona sprengte wieder einmal alle Rekorde.

18754 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus aller Welt, 675 ausstellende Unternehmen, 700 Städte und Regionen sowie 420 Vortragende machen Barcelona zu dem internationalen Jahreshöhepunkt der Smart City Bewegung. Allerdings wird es dort auch immer unübersichtlicher. Die Messe hat davon profitiert, dass sie in eine größere Halle umziehen konnte. Leider blieb die Kongressveranstaltung in ihrer angestammten Halle, sodass es dort ziemlich eng wurde. Längst überschneiden sich die Veranstaltungsslots, so dass die Zusammenstellung des Programms für jeden Teilnehmer inzwischen ein bis zwei Stunden Vorbereitungszeit erfordert.

Inhaltlich wurde der Kongress von drei Keynote Vorträgen, zahlreichen Plenarsessions, nahezu 100 themenbezogene Sessions und sog. „Inspirational Talks“ getragen. Hervorzuheben sind die Keynote Speeches von Joan Clos, dem Direktor des UN Habitat Programms. Er hob die Notwendigkeit zur „Smart Urbanization“ hervor. Robert Muggah, Mitgründer des Igarape Instituts, referierte zum Thema „From fragile to resilient cities“. Bettina Warburg, Mitgründerin und Managing Partnerin von Animal Ventures präsentierte den letzten Vortrag. Ihre Keynote trug den Titel „The Rise oft the Decentralised Economy“.

Erstmalig fand in Frankfurt die sog. „Blisscity – die erste Smart City Convention in Deutschland“ statt. Sie wurde hauptsächlich vom Smart City Institut und dem Bundesverband Smart City unter Leitung von Frau Prof. Etezadzadeh getragen. Zahlreiche Unternehmen, vor allem aus der Verkehrs-, Logistik- und Energiebranche unterstützten inhaltlich und finanziell die Veranstaltung. Dabei war es ein kluger Schachzug der Veranstalter die Smart City Konferenz mit dem Hypermotion Kongress 2017 in der Frankfurter Messehalle zu verzahnen.

Der interessanten Konferenz hätte ich mehr Besucher gewünscht, weil die Qualität der Vorträge und Podiumsdiskussionen sehr hoch war. Sie reichte von einem Smart City Überblick aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bis hin zu den Smart City Aktivitäten der Deutschen Bahn oder den Plänen des Volkswagenkonzerns für das autonome Fahren in unseren Städten.

Digitaler Aufbruch Gütersloh

Ebenso wie anderen Städte, die sich am Wettbewerb Digitale Stadt beteiligt hatten, wird auch die 100.000 Einwohner Stadt Gütersloh die Chance nutzen, dass die Sensibilisierung der Bürgerschaft, des Rates, der Verwaltung und der örtlichen Unternehmen für künftige digitale Herausforderungen und den sich daraus ergeben Chancen gestiegen ist. Gütersloh macht mit einem Projekt „Digitaler Aufbruch Gütersloh“ weiter. In mehreren Runden mit dem maßgeblichen Treiber des Projektes – Bürgermeister Henning Schulz – entwickelten wir gemeinsam eine Rahmenkonzeption, in deren Mittelpunkt eine starke Beteiligung der Stadtgesellschaft bei der Erarbeitung der Digitalstrategie steht. Dieser Rahmen wurde im Oktober dem neu gegründeten interfraktionellen Arbeitskreis „Digitalisierung“ vorgestellt und im Dezember dem Hauptausschuss präsentiert. Daraufhin verabschiedete der Hauptausschuss die Vorlage einstimmig und schaffte mit dem Haushalt 2018 eine wesentliche Voraussetzung für das Projekt. Die Stadt Gütersloh wird zu Beginn des Jahres 2018 die Stelle eines „Chief Digital Officers“ ausschreiben. Dieser soll zusammen mit Verwaltung, Politik und der Stadtgesellschaft das Projekt weiterentwickeln und koordinieren.

Der erste Schritt wurde somit gesetzt. In 2018 wird sich zeigen, wie es in Gütersloh – aber auch in den anderen Städten des Wettbewerbs „Digitale Stadt“ – weitergehen wird.

Ich bin davon überzeugt, dass im Jahre 2018 viele dieser Impulse aufgenommen und fortgeführt werden. Im letzten Bundestagswahlkampf hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Digitalisierung vor allem der ländlichen Räume in Deutschland ziemlich weit oben auf der politischen Agenda stehen muss. Deswegen gilt das Motto: Stay tuned.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

, die Smart City Konferenz mit dem Hypermotion Kongress 2017 in der Frankfurter Messehalle zu verzahnen.

Der interessanten Konferenz hätte ich mehr Besucher gewünscht, weil die Qualität der Vorträge und Podiumsdiskussionen sehr hoch war. Sie reichte von einem Smart City Überblick aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bis hin zu den Smart City Aktivitäten der Deutschen Bahn oder den Plänen des Volkswagenkonzerns für das autonome Fahren in unseren Städten.

Digitaler Aufbruch Gütersloh

Ebenso wie anderen Städte, die sich am Wettbewerb Digitale Stadt beteiligt hatten, wird auch die 100.000 Einwohner Stadt Gütersloh die Chance nutzen, dass die Sensibilisierung der Bürgerschaft, des Rates, der Verwaltung und der örtlichen Unternehmen für künftige digitale Herausforderungen und den sich daraus ergeben Chancen gestiegen ist. Gütersloh macht mit einem Projekt „Digitaler Aufbruch Gütersloh“ weiter. In mehreren Runden mit dem maßgeblichen Treiber des Projektes – Bürgermeister Henning Schulz – entwickelten wir gemeinsam eine Rahmenkonzeption, in deren Mittelpunkt eine starke Beteiligung der Stadtgesellschaft bei der Erarbeitung der Digitalstrategie steht. Dieser Rahmen wurde im Oktober dem neu gegründeten interfraktionellen Arbeitskreis „Digitalisierung“ vorgestellt und im Dezember dem Hauptausschuss präsentiert. Daraufhin verabschiedete der Hauptausschuss die Vorlage einstimmig und schaffte mit dem Haushalt 2018 eine wesentliche Voraussetzung für das Projekt. Die Stadt Gütersloh wird zu Beginn des Jahres 2018 die Stelle eines „Chief Digital Officers“ ausschreiben. Dieser soll zusammen mit Verwaltung, Politik und der Stadtgesellschaft das Projekt weiterentwickeln und koordinieren.

Der erste Schritt wurde somit gesetzt. In 2018 wird sich zeigen, wie es in Gütersloh – aber auch in den anderen Städten des Wettbewerbs „Digitale Stadt“ – weitergehen wird.

Ich bin davon überzeugt, dass im Jahre 2018 viele dieser Impulse aufgenommen und fortgeführt werden. Im letzten Bundestagswahlkampf hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass die Digitalisierung vor allem der ländlichen Räume in Deutschland ziemlich weit oben auf der politischen Agenda stehen muss. Deswegen gilt das Motto: Stay tuned.

 

 

Plädoyer für eine digitale Assistenzinfrastruktur

Erinnern sie sich noch an Oma Anneliese? Sie wurde in einer Broschüre der Bertelsmann Stiftung „Perspektive Smart Country. Wie digitale Innovationen unser Leben verändern“ von mir vorgestellt.

 

„Anneliese, 75, lebt in einem Altenheim und ist pflegebedürftig. Als eine der ersten Altenheimbewohnerinnen hat sie sich einen schnellen Breitbandanschluss legen lassen. …Mit ihren Kindern und Enkeln konnte sie die Interaktion erheblich verbessern, seit sie ihren Tablet-PC auch zum Videochat nutzt.“

 

Seit nunmehr drei Jahren ist sie stolze Besitzerin eines Tablet PCs. Darauf sieht sie sich die Fotos an, die ihre Kinder oder Enkelkinder mit ihr teilen. Auf diese Weise kann sie an deren Leben trotz grosser Entfernungen teilhaben. Aber besonders liebt sie den Videochatdienst FaceTime, den sie zur Kommunikation auch rege nutzt. Inzwischen versucht sie sogar ihre in einem anderen Bundesland lebende Schwester davon zu überzeugen. Aber die will nicht so recht und verweist auf ihr Alter von 78 Jahren. Anneliese sagt dann, dass sie ja noch ein wenig älter sei.

 

Oma Anneliese ist im digitalen Zeitalter angekommen und ganz zufrieden damit. Doch der größte anzunehmende Unfall passiert immer dann, wenn APPLE die Software aktualisiert. Oma Anneliese ist dann ganz aufgelöst, weil auf ihrem Tablet PC plötzlich ein Hinweis erscheint, der ihren Bildschirm verändert und sie zu einer Handlung auffordert (Software-Update). In dieser Situation musste der Enkel helfen. Er stand ihr mit Rat und Tat zur Seite und nahm das Update vor. Nunmehr hat der Enkel sein Studium beendet und wird sehr bald die Heimatstadt verlassen. Damit steht steht er Oma Anneliese als Erste Hilfe nicht mehr oder nur eingeschränkt zur Verfügung.
Oma Anneliese fragt sich nun, was sie tun soll. Schließlich hat sie sich inzwischen an die digitale Kommunikation gewöhnt und schätzt den Videochat mit Kindern und Enkelkindern.
In einer derartigen Situation befinden sich viele Menschen – vor allem ältere sind davon betroffen.
Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten:

 

  1. Die Technologieanbieter sorgen selbst für umfangreiche Schulungen. So hat beispielsweise Apple in seinen wenigen Läden einige Schulungsangebote. Hier wird man mit Geräten und Software vertraut gemacht. Vor einigen  Monaten habe ich eine derartige Schulung besucht. „iPad für Fortgeschrittene“. IMG_0880Das Training war kostenlos und gut besucht. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass es auch eine Verkaufsveranstaltung für das neue iPad Pro war. Die Mehrzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren deutlich über 65 Jahre. Ich war der zweitjüngste – und das mit 60. Fast alle hatten Erfahrungen mit dem alten iPad ohne Digitalstift etc.. Deswegen sollten sie meiner Meinung nach auf das neue iPadPro leckerfritzig gemacht werden.
  2. Senioren helfen Senioren, wie das Beispiel der Techniklotsen in Hannover zeigt, das kürzlich mit dem goldenen Internetpreis ausgezeichnet wurde.
  3. „Der digitale Enkel“ So hat die SZ im Oktober 2017 einen Artikel überschrieben, der die Möglichkeiten des „Freiwilligen Sozialen Jahres Digital“ skizziert. Dieses wurde auf Antrag der SPD-Bundestagsfraktion 2014 ins Leben gerufen und umfasst mehrere Pilotvorhaben.

Allerdings sind diese Initiativen oftmals sporadisch, wenig koordiniert und sicherlich nicht flächendeckend. Deshalb hat der Expertenkreis „Smart Country“ der Bertelsmann Stiftung in seinem „Forderungskatalog für ein Digitales Deutschland“ die Forderung erhoben, eine digitale Assistenzinfrastruktur flächendeckend aufzubauen. Wörtlich heißt es:

 

Eine flächendeckende Assistenzinfrastruktur aufbauen
„Neben dem Zugang zu digitaler Infrastruktur ist die dauerhafte Gewährleistung digitaler Souveränität ein ebenso wichtiges korrespondierendes Ziel. Um die Nutzung der Digitalisierung in Deutschland zu fördern, sollte eine – nicht nur digitale, sondern auch physische – flächendeckende Assistenzinfrastruktur aufgebaut werden. Sie hilft, auch bisher abseitsstehenden Bevölkerungsgruppen, die Chancen dieser Technologie (z.B. in Gesundheit, Bildung, und im Verkehr) zu nutzen. Darüber hinaus müssen bezahlbare, diskriminierungsfreie Angebote und Werkzeuge für eine sichere Kommunikation und Interaktion bereitgestellt werden.“

 

Die Bereitstellung einer digitalen Assistenzinfrastruktur ist eine flächendeckende Aufgabe, der sich Bund, Länder und Kommunen stellen müssen. Sie sollte Bestandteil einer jeden digitalen Agenda werden. Ansonsten droht die Vertiefung der digitalen Spaltung. Oma Anneliese will weiterhin digital bleiben – doch dazu benötigt sie die Hilfe der Zivilgesellschaft, der Unternehmen oder auch der Digital Natives, die sich für das Gemeinwohl engagieren wollen.

Smarte Baustelleninformationen – Hol- anstatt Bringschuld?

IMG_1361 2In Berlin und in vielen deutschen Städten und Gemeinden werden ständig Straßen aufgerissen, Schienen neu verlegt, Abwässerkanäle erneuert und (hoffentlich viel) Glasfaser bereitgestellt. All dies erneuert die Stadt, schafft aber auch neue Herausforderungen und Beschwernisse während der Baumaßnahmen.

Wie werden eigentlich die betroffenen Bürgerinnen und Bürger informiert? Und wer zählt zu den „Betroffenen“? Ist die Information digital vorhanden? Erfolgt sie, in dem sie abgerufen werden muß oder wird die Information gepusht? Schließlich: Wie werden diese Baustelleninfos eigentlich präsentiert?

Da ich mich über eine Baustelle wunderte, die plötzlich da war und meine Joggingstrecke im Mauerpark betraf, bin ich mal auf die Suche nach INFORMATIONEN gegangen. Tatsächlich wurden die unmittelbar betroffenen Anwohner durch einen PapierAushang an ihrer Haustür durch die Berliner Wasserbetriebe informiert. Diese werden nämlich in zweijähriger Bauzeit einen Stauwasserkanal unter dem Mauerpark errichten. Zwei Jahre  wird der beliebte und belebte Mauerpark also eine große Baustelle sein.

So sieht der Papieraushang aus, der an die Haustüren der unmittelbar angrenzenden Bernauer/Eberswalder Str. mit Tesafilm befestigt wurde.

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Wie gesagt: Informiert wurden nur die unmittelbaren Anlieger. Doch Bürgerinnen und Bürger, die wie ich ca. 100 Meter weiter weg wohnen, wurden gar nicht informiert bzw. sind vielleicht nur zufällig auf diesen Zettel gestoßen.

Schauen wir uns also an, wie das Berliner Bezirksamt Pankow seine Bürgerinnen und Bürger über die immerhin zweijährige Baustelle Informiert.

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Abgesehen davon, dass die Formulierung „einigen Einschränkungen“ auf mich eher verniedlicht wirkt, denkt das Bezirksamt, dass die Anwohnerinformation, auf die es hier verweist (der Papierzettel der BWB), wohl eher eine Hol-Schuld ist. Wenn die Bürgerinnen und Bürger sich über die aktuellen Baumassnahmen im Bezirk informieren wollen, sollen sie gefälligt auf die Webseite des Bezirks gehen und sich diese Informationen holen.

Doch ist das smart und zukunftsfähig? Hat nicht auch der Berliner Senat beschlossen, dass Daten frei und leicht zugänglich sein sollten?

Was hindert den Bezirk eigentlich daran, Baustelleninformationen so aufzubereiten, dass sie einen auf Blick erkennbar sind? Dazu würde  lediglich eine digitale Straßenkarte benötigt. Auf dieser würden sämtliche Baumaßnahmen öffentlicher Akteure verzeichnet. Wer, was, warum, wie lange, welche Alternativen? – diese Infos würden schon ausreichen. So könnten die Betroffenen auf einen Blick sehen, wie die Stadt ihre Infrastruktur erneuert und welche Beeinträchtigungen sich daraus für welchen Zeitraum ergeben. Und in einem zweiten Schritt könnte die ständige Erneuerung selbst erfolgen, weil Informationsprozesse mit Echtzeit-Daten pflegeleicht sind.

Natürlich müßte ich mir trotzdem noch eine neue Joggingstrecke suchen. Aber ich würde das in dem Bewußtsein tun, als Bürger ernst genommen zu werden. Smarte Daten sind keine Hol- sondern eine Bringschuld in einer Stadt, die Smart City werden will.