Schnelles Internet ist „Dableibevorsorge“

Müssen wir unseren Verfassungsgrundsatz aufgeben, dass jeder Anspruch auf gleichwertige Lebensbedingungen hat – egal ob in der Stadt oder auf dem flachen Land? Soll die Politik gar die Förderung ganzer einwohnerschwacher Landstriche einstellen und diese allmählich ausbluten lassen?

In einer Studie des Berlin-Instituts wird dafür plädiert, ein Umdenken vorzunehmen und die 100 % Vollversorgung des ländlichen Raums aufzugeben, weil die demographische Entwicklung zu einer Landflucht führe und die komplette Infrastruktur samt deren Standards dort nicht mehr zu bezahlen sei.

Derartige Studien, die im Rahmen der Demographiedebatte erstellt werden, vernachlässigen meistens die Chancen, die vor allem die Informations- und Kommunikationstechnologie für den ländlichen Raum bietet.

Das schnelle Internet wird inzwischen auch als Teil der Daseinsvorsorge einer Kommune betrachtet. Man könnte sogar weitergehen und sagen: Auf dem Land ist schnelles Internet auch Dableibevorsorge. Es kann die Landflucht verhindern und dazu führen, dass die ökonomische und ökologische Balance zwischen Stadt und Land gewahrt bleibt.

Warum „Dableibevorsorge“?

Einige Beispiele aus den Handlungsbereichen von „Smart Country Konzeptionen“ sollen helfen, diesen Anspruch zu untermauern.

Wertschöpfung:

In Smart Work Center nutzen die Beschäftigten Arbeitsplätze, die mit hochmoderner Informations- und Kommunkationstechnologie einschließlich Videokonferenzsystemen ausgestattet sind. Diese Smart Work Center werden häufig am Stadtrand bzw. im ländlichen Raum angesiedelt. Hier kann der Arbeitsplatz gemietet werden – ideal für Aussendienstmitarbeiter oder Beschäftigte mit Kleinkindern. Neben der IuK Infrastruktur gibt es dort nämlich auch eine soziale Infrastruktur wie Kinderbetreuung, Wasch- oder Bankservices. In den Niederlanden, in Korea oder in Frankreich ist ein ganzes Netz von Smart Work Center entstanden. Für die Landbevölkerung kann also die Notwendigkeit des beruflichen Pendelns entfallen. Außerdem kann der Geldbeutel sowohl die Umwelt entlastet werden.

Gesundheitswesen:

Gerade für den ländlichen Raum sind die Prognosen für die Ärzteversorgung (Allgemeinmediziner sowie Fachärzte) besonders schlecht. Deshalb hat die Politik eigene Programme entwickelt, das Landleben für Ärzte und Gesundheitspersonal attraktiver zu machen. Im digitalen Zeitalter lassen sich gerade durch Telemedizin zahlreiche Vorteile erzielen. Telemedizinische Dienstleistungen wie Video-Konsultation helfen älteren Menschen, den Kontakt zu ihrem nicht mehr im Ort wohnen werdenden Arzt aufrecht zu erhalten. Digitale Geräte wie das Fitness-Armband oder die smarte Uhr werden die aktuellen Gesundheitsdaten per Telemonitoring zu Telemedizinzentren übertragen, die dann auf Unregelmäßigkeiten sofort reagieren können. Für Patienten wird es auch einfacher sein, per Videokonferenz eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen.

Mobilität:

Bisher ist es ein unumstößliches Gesetz, das jeder Jugendliche auf dem Lande lernt. Wenn Du mobil sein willst, benötigst Du einen Führerschein und ein eigenes Auto. Egal, ob zur Arbeit in der Stadt oder zu Freizeitvergnügungen wie Kino oder Theaterbesuch – der private PKW ist das wichtigste Beförderungsmittel. Der ÖPNV in der Fläche, der feste Routen und feste Fahrzeiten hat, wird eher als mobile Beschränkung wahrgenommen. In der digitalen Welt wird sich dies wandeln. „Mobilität on demand“ wird das Stichwort sein. Wenn der Fahrtwunsch von A nach B von den Nutzern auf Smartphones eingegeben wird, wird der Computer die neuen Mitfahrgelegenheiten zusammenstellen. Mobilität wird so personalisiert möglich.

Und wenn sich im nächsten Jahrzehnt das selbstfahrende Fahrzeug durchgesetzt hat, wird es auch dem im ländlichen Raum wohnenden Beschäftigten möglich sein, während des Fahrens eMails zu bearbeiten, Bücher zu lesen oder an Videokonferenzen teilzunehmen. Dies alles wird die Produktivität der Wissensarbeiter erheblich erhöhen, die weiterhin naturnah werden wohnen können.

Bildung: 

Noch bis zum Ende der sechziger Jahre des letzten Jahrtausends wurden Kinder auf dem Land in Zwergschulen unterrichtet. Bis zur achten Klasse waren alle Altersgruppen in derselben Schule. Erst später erfolgte die Differenzierung nach Jahrgangsklassen und spezialisierten Fächern in weiterführenden Schulen, die jedoch häufig mit dem Bus oder dem Fahrrad erreicht werden mussten.

Die gleiche Situation finden wir heute noch in bevölkerungsarmen Regionen wie dem kanadischen Alberta vor. Dort hat sich seit mehr als 10 Jahren das Unterrichten von regional weit verstreuten Schülern aus verschiedenen Altersgruppen über Video durchgesetzt. Wenn die Lerninhalte erst einmal digitalisiert sind und die digitale Bildungsinfrastruktur geschaffen wurde, werden moderne Videolernkonzepte an Bedeutung gewinnen. Sie wären auch für die Schüler ein Gewinn, weil sie später in den vernetzten Unternehmen mit dieser Form der „virtuellen“ Begegnung, des Lernens und des Arbeitens umgehen müssen.

Kultur: 

Seit jeder ist das kulturelle Leben im ländlichen Raum eingeschränkter als in der Stadt. Eine wichtige Säule stellen dort die Vereine dar. In der Stadt konzentrieren sich besonders die Einrichtungen der „Hochkultur“. Dazu muss der Bewohner des ländlichen Raums mobil sein und „in die Stadt“ fahren. Doch hier bietet das schnelle Internet Chancen. Seit einigen Jahren werden zahlreiche Angebote von Kulturinstitutionen wie den Berliner Philharmonikern oder von Theatern über das Internet gestreamt. Was bisher nur zu festgesetzten Zeiten über den Fernsehschirm flimmerte, ist heute zu jeder Zeit und an jedem Ort verfügbar. Dieser Trend ist nicht mehr aufzuhalten und schafft für den ländlichen Raum neue kulturelle Möglichkeiten.

Kein Mickey Maus Breitband

Diese Beispiele zeigen, dass es im ländlichen Raum nicht darum geht, Mickey Maus Breitband aufzubauen, mit dem eMail abgerufen oder im Internet gesurft werden kann. Vielmehr sind dort hochleistungsfähige Breitbandverbindungen erforderlich, damit die Verfassungsforderung nach gleichwertigen Lebensbedingungen auch realisiert werden kann. Sofern das die Marktkräfte nicht richten, wird die öffentliche Hand gefordert sein. Denn schnelles Internet ist hier Teil der „Dableibevorsorge“ – sonst wird der ländliche Raum die Abstimmung mit den Füßen verlieren.

Weitergehende strategische Überlegungen und Beispiele enthält mein Buch „Die smarte Stadt. Den digitalen Wandel intelligent gestalten. Handlungsfelder, Herausforderungen, Strategien“, das im April 2014 im R. Boorberg-Verlag erschien.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s