Plädoyer für eine digitale Assistenzinfrastruktur

Erinnern sie sich noch an Oma Anneliese? Sie wurde in einer Broschüre der Bertelsmann Stiftung „Perspektive Smart Country. Wie digitale Innovationen unser Leben verändern“ von mir vorgestellt.

 

„Anneliese, 75, lebt in einem Altenheim und ist pflegebedürftig. Als eine der ersten Altenheimbewohnerinnen hat sie sich einen schnellen Breitbandanschluss legen lassen. …Mit ihren Kindern und Enkeln konnte sie die Interaktion erheblich verbessern, seit sie ihren Tablet-PC auch zum Videochat nutzt.“

 

Seit nunmehr drei Jahren ist sie stolze Besitzerin eines Tablet PCs. Darauf sieht sie sich die Fotos an, die ihre Kinder oder Enkelkinder mit ihr teilen. Auf diese Weise kann sie an deren Leben trotz grosser Entfernungen teilhaben. Aber besonders liebt sie den Videochatdienst FaceTime, den sie zur Kommunikation auch rege nutzt. Inzwischen versucht sie sogar ihre in einem anderen Bundesland lebende Schwester davon zu überzeugen. Aber die will nicht so recht und verweist auf ihr Alter von 78 Jahren. Anneliese sagt dann, dass sie ja noch ein wenig älter sei.

 

Oma Anneliese ist im digitalen Zeitalter angekommen und ganz zufrieden damit. Doch der größte anzunehmende Unfall passiert immer dann, wenn APPLE die Software aktualisiert. Oma Anneliese ist dann ganz aufgelöst, weil auf ihrem Tablet PC plötzlich ein Hinweis erscheint, der ihren Bildschirm verändert und sie zu einer Handlung auffordert (Software-Update). In dieser Situation musste der Enkel helfen. Er stand ihr mit Rat und Tat zur Seite und nahm das Update vor. Nunmehr hat der Enkel sein Studium beendet und wird sehr bald die Heimatstadt verlassen. Damit steht steht er Oma Anneliese als Erste Hilfe nicht mehr oder nur eingeschränkt zur Verfügung.
Oma Anneliese fragt sich nun, was sie tun soll. Schließlich hat sie sich inzwischen an die digitale Kommunikation gewöhnt und schätzt den Videochat mit Kindern und Enkelkindern.
In einer derartigen Situation befinden sich viele Menschen – vor allem ältere sind davon betroffen.
Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten:

 

  1. Die Technologieanbieter sorgen selbst für umfangreiche Schulungen. So hat beispielsweise Apple in seinen wenigen Läden einige Schulungsangebote. Hier wird man mit Geräten und Software vertraut gemacht. Vor einigen  Monaten habe ich eine derartige Schulung besucht. „iPad für Fortgeschrittene“. IMG_0880Das Training war kostenlos und gut besucht. Es stellte sich allerdings schnell heraus, dass es auch eine Verkaufsveranstaltung für das neue iPad Pro war. Die Mehrzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren deutlich über 65 Jahre. Ich war der zweitjüngste – und das mit 60. Fast alle hatten Erfahrungen mit dem alten iPad ohne Digitalstift etc.. Deswegen sollten sie meiner Meinung nach auf das neue iPadPro leckerfritzig gemacht werden.
  2. Senioren helfen Senioren, wie das Beispiel der Techniklotsen in Hannover zeigt, das kürzlich mit dem goldenen Internetpreis ausgezeichnet wurde.
  3. „Der digitale Enkel“ So hat die SZ im Oktober 2017 einen Artikel überschrieben, der die Möglichkeiten des „Freiwilligen Sozialen Jahres Digital“ skizziert. Dieses wurde auf Antrag der SPD-Bundestagsfraktion 2014 ins Leben gerufen und umfasst mehrere Pilotvorhaben.

Allerdings sind diese Initiativen oftmals sporadisch, wenig koordiniert und sicherlich nicht flächendeckend. Deshalb hat der Expertenkreis „Smart Country“ der Bertelsmann Stiftung in seinem „Forderungskatalog für ein Digitales Deutschland“ die Forderung erhoben, eine digitale Assistenzinfrastruktur flächendeckend aufzubauen. Wörtlich heißt es:

 

Eine flächendeckende Assistenzinfrastruktur aufbauen
„Neben dem Zugang zu digitaler Infrastruktur ist die dauerhafte Gewährleistung digitaler Souveränität ein ebenso wichtiges korrespondierendes Ziel. Um die Nutzung der Digitalisierung in Deutschland zu fördern, sollte eine – nicht nur digitale, sondern auch physische – flächendeckende Assistenzinfrastruktur aufgebaut werden. Sie hilft, auch bisher abseitsstehenden Bevölkerungsgruppen, die Chancen dieser Technologie (z.B. in Gesundheit, Bildung, und im Verkehr) zu nutzen. Darüber hinaus müssen bezahlbare, diskriminierungsfreie Angebote und Werkzeuge für eine sichere Kommunikation und Interaktion bereitgestellt werden.“

 

Die Bereitstellung einer digitalen Assistenzinfrastruktur ist eine flächendeckende Aufgabe, der sich Bund, Länder und Kommunen stellen müssen. Sie sollte Bestandteil einer jeden digitalen Agenda werden. Ansonsten droht die Vertiefung der digitalen Spaltung. Oma Anneliese will weiterhin digital bleiben – doch dazu benötigt sie die Hilfe der Zivilgesellschaft, der Unternehmen oder auch der Digital Natives, die sich für das Gemeinwohl engagieren wollen.
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