Mit Tattoo und Laptop ins Altersheim

Senioren sind die Stiefkinder der Digitalisierung. Zwar hat der Anteil der Silver Surfer, die regelmäßig das Internet nutzen, erheblich zugenommen, dennoch bleibt immer noch eine grosse Zahl von ihnen offline.
Schauen wir uns die Zahlen an:
Nach der DIVSI Ü60-Studie “Die digitalen Lebenswelten der über 60-jährigen” ist der Wunsch, der über 60-jährigen, am Geschehen im Internet teilzuhaben, deutlich angestiegen. Allerdings ergibt die Studie auch, dass 48% Offliner sind. Der digitale Graben ist in dieser Altersgruppe besonders evident. Inzwischen halten jedoch 44 % der Befragten, das Internet für die beste Erfindung, die es je gab und die Anzahl derer, die an der Digitalisierung teilhaben wollen steigt seit 2012 stetig an.
Umso wichtiger sind die steigenden Werte, da die Verknüpfung von digitaler und sozialer Teilhabe immer enger wird. Deswegen kommen die DIVSI-Forscher zu dem Schluß: “Wenn immer mehr Bereiche des Alltags online gesteuert sind, ist soziale Teilhabe somit nur noch möglich, wenn auch digitale Teilhabe gewährleistet ist.” Denn die Teilhabe umfasst die Chancen, “an den Infrastrukturen und Angeboten einer Gesellschaft umfassend partizipieren zu können und dadurch ein gleiches Maß an sowohl beruflichen wie auch privaten Chancen zu erlangen”.
Zu ähnlichen Ergebnissen kommt der D21 Index 2017.
Der Gedanke liegt also nahe, dass wir das schnelle Internet dorthin bringen, wo sich Senioren am meisten aufhalten. 
Diese Überlegungen hat eine sehr spannende Studie zum Thema „Nutzung und Nutzen des Internet im Alter“ ist kürzlich von Herbert Kubicek und Barbara Lippa veröffentlicht worden.
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Die Studie wurde von der „Stiftung Digitale Chancen“ und dem Telekommunikationsanbieter Telefonica vorgelegt. Darin plädieren sie für einen Masterplan „Mit Senioreneinrichtungen ins Netz“.
Ihre Erkenntnisse beruhen auf einer Befragung von 300 Senioren im Alter von unter 60 Jahren bis 90 Jahren, die am Projekt „Digital mobil im Alter“ im Jahre 2017 teilgenommen haben.
Der vorgeschlagene Masterplan besteht aus vier Kernelementen:
Programm „Mit 30.000 Seniorentreffs ins Netz“
Programm „In 3000 Senioreneinrichtungen ins Netz“
Programm „3000 Personen Online in Pflegeheimen und -stationen“
Pilotprojekte „Internet Aufsuchende“ und „Digitale Assistenz“.
Der Charme der Studie besteht darin, dass die Autoren für wesentliche Programmelemente auch die Kosten ermittelt haben. Für das Programm „Mit 30.000 Seniorentreffs ins Netz“ betragen sie bei dreijähriger Laufzeit auf Basis eines Leihmodells für digitale Endgeräte wie Tablet PCs 4 Mio Euro. Um die 3000 Senioreneinrichtungen ins Netz zu bringen, wären 2,2-6,2 Mio Euro erforderlich . Und für die 3000 Personen Online in Pflegeheimen und Stationen würden bei dreijähriger Laufzeit rund 7,5 Mio Euro anfallen.
Darüber hinaus sprechen sie sich auch für einen bundesweiten Ausbau einer Digitalen Assistenzinfrastruktur aus, wie sie bereits die Bertelsmann Stiftung im Forderungskatalog für ein digitales Deutschland vorschlug. Im Podcast Smart City Talk und in diesem Blog habe ich dieses Thema ja auch häufiger aufgegriffen.
Fazit: Die digitale Spaltung zwischen On- und Offlinern, die sich besonders häufig noch bei älteren Menschen zeigt, kann überwunden werden. Erforderlich dafür sind eine Strategie, Anschubfinanzierungen und Pilotprojekte. Die Studie liefert hierfür wertvolle Ansatzpunkte, die sich die politisch Verantwortlichen in den Gebietskörperschaften, den Wohlfahrtsverbänden und bei den privaten Trägern genauer anschauen sollten.
Wenn die Babyboomer-Generation der heute über 55-jährigen Menschen in Altenheime, betreute Seniorenwohnungsanlagen oder Pflegeheime einzieht, werden sie mit Selbstverständlichkeit schnelle Internetverbindungen und W-LAN erwarten.
Die neue Staatsministerium im Bundeskanzleramt, Dorothee Bär, sollte diese Herausforderungen zuerst annehmen, anstatt über fliegende Funktaxen zu fabulieren.
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2 Antworten auf “Mit Tattoo und Laptop ins Altersheim”

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